May 2021

Rettet das Start-up den Einzelhandel?

Dieser Artikel erschien durch Antje Bernstein am 27.01.2021 in der Ostsee Zeitung und kann unter folgendem Link abgerufen werden: https://www.ostsee-zeitung.de/Nachrichten/MV-aktuell/What-a-location-aus-Rostock-Rettet-Start-up-den-Einzelhandel Da es sich um eine o+ Artikel handelt, haben wir ihn in unserem Blog zugänglich gemacht.

Rostocks Kröpeliner Straße: leer. Die Ossenreyerstraße von Stralsund: verwaist. Greifswalds Marktplatz: kaum ein Mensch unterwegs. Dort, wo sonst das Leben tobt, ist während des Corona-Lockdowns tote Hose. Von den Läden, die aktuell geöffnet haben dürfen, machen nur die wenigsten gute Geschäfte. Teure Top-Lagen – in der Pandemie zahlen sie sich nicht aus.

Was Einzelhändler beim Kassensturz spüren, kann Henning Richard Haltinner belegen. Der Unternehmer weiß, wo potenzielle Kunden zu finden sind – deren Smartphones verraten es ihm. Haltinner ist Chef von „WHAT A LOCATION!“. Das Start-up mit Sitz in Rostock wertet mit der webbasierten Software „Quantumanonymisierte Mobilfunkdaten aus und ermittelt, wo sich Passanten aufhalten, welcher Altersgruppe sie angehören, ob sie männlich oder weiblich sind. Aus diesen Informationen werden Standortanalysen erstellt. Sie sollen dem Einzelhandel helfen, Potenziale zu erkennen, neue Kunden zu gewinnen und somit den Geschäftserfolg zu verbessern.

Rettet das Start-up den Einzelhandel?

Auf die Idee dazu kam Henning Richard Haltinner 2019, als er für seinen damaligen Arbeitgeber in Berlin einen Standort für eine neue Filiale suchen sollte – und keinen fand. „Weil niemand mir mit validen Daten belegen konnte, wo wir auf unsere Zielgruppe treffen würden. Auf das Bauchgefühl von Immobilienmaklern wollten sich meine Chefs nicht verlassen. Sie haben das Projekt gecancelt.“ Haltinner aber wollte die Sache nicht ad acta legen. Als er auf einer Parkbank saß und Passanten beobachtete, fiel ihm auf: Fast jeder hat ein Smartphone dabei. Das müsste man doch nutzen können. Die Geburtsstunde von „WHAT A LOCATION!“.

Inzwischen holen namhafte Unternehmen Rat beim Rostocker Start-up ein, darunter auch die Signa-Holding, zu der auch Galeria Karstadt Kaufhof gehört. Die Dienstleistung sei aber nicht Konzernen vorbehalten, sagt Haltinner. „Wir wollen für alle Lösungen anbieten – auch dem kleinen Blumenladen.

Ostsee zeitung

Angst vor Filialschließungen

Ob kleiner Shop oder Supermarkt-Kette, Restaurant-Betreiber oder Franchisenehmer: Alle wollen von ihm eines wissen – wo sie an der richtigen Adresse sind. Wo lohnt sich eine Neueröffnung, wo ist eine Filial-Schließung unumgänglich? Gerade letztere Frage treibe jetzt in der Corona-Krise die meisten seiner Kunden um, sagt Haltinner. „80 Prozent wenden sich aus purer Angst an uns. Sie wollen Schließungen in großem Stil vermeiden und von uns wissen, welche Filiale sich noch lohnt und gerettet werden kann.

Es gebe auch Unternehmen, die aus der Not Nutzen ziehen möchten und Ausschau halten nach Geschäfts-Immobilien, die andere coronabedingt aufgeben müssen. Dann bringe sein Start-up Interessenten und Makler zusammen, sagt Haltinner. „Damit verhindern wir Leerstand in den Städten“, erklärt der Gründer.

Wandel auf Gewerbeimmobilien-Markt

Seine Software zeigt auch auf, wie sich die Covid-19-Pandemie auf Deutschlands Städte auswirkt. Den Analysen zufolge verlieren bislang stark frequentierte Bummelmeilen an Attraktivität zugunsten von bis dato wenig besuchten Ecken. Das liege unter anderem daran, dass viele Menschen während des Corona-Lockdowns weite Wege meiden, erklärt Haltinner. „Sie kaufen eher im Tante-Emma-Laden um die Ecke ein, als zum Einkaufszentrum zu fahren.

Das könnte sich auch preislich auf den Immobilienmarkt auswirken. Haltinner vermutet: Gewerbeeinheiten in bisherigen 1-a-Lagen werden an Wert verlieren, die in B- und C-Lagen teurer werden. „Wir werden einen extremen Wechsel bei Mietern haben.

KI soll Zukunft vorhersagen

Während er für seine Kunden den Immobilien-Markt sondiert, schmiedet der „WHAT A LOCATION!“-Chef Zukunftspläne für das eigene Unternehmen. Fünf Mitarbeiter zählt das Start-up-Team derzeit, zehn sollen es Ende des Jahres sein. Auch den Pool möglicher Kunden will Henning Richard Haltinner vergrößern. 25 deutsche Großstädte nimmt „WHAT A LOCATION!“ aktuell unter die Lupe. Bis 2022 will Haltinner die Zahl verdoppeln.

Technisch wird ebenfalls aufgerüstet. Bislang werden Analysen auf Basis von Daten aus der Vergangenheit erstellt. Bald aber will Haltinner die Zukunft vorhersagen können. „Wir entwickeln gerade eine künstliche Intelligenz.“ Sie soll prognostizieren können, wie sich ein Standort entwickeln wird. „Noch sind wir in der Erprobungsphase.

Die Quantum-Software hat indes bereits Millionen Smartphone-Nutzer im Blick. „WHAT A LOCATION!“ ist in Metropolen wie Berlin, München oder Düsseldorf aktiv, aber auch in zwei Orten Mecklenburg-Vorpommerns: Rostock und Schwerin. Hiesigen Unternehmern bietet Henning Richard Haltinner im Lockdown kostenlos Beratung an. „Wir haben durch unseren Investor, die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft MV, viel Unterstützung erhalten und möchten unserer Heimat etwas zurückgeben. Gerade in der Corona-Krise.